Transformationsplan für die Gemeindewerke Ruhpolding
Von 59 auf bis zu 235 Liegenschaften: Wie sich ein Wärmenetz weiterentwickeln lässt
Ausgangslage
Die Gemeindewerke Ruhpolding versorgen aktuell 59 Liegenschaften im Ortskern mit Wärme – darunter öffentliche Einrichtungen, touristische Betriebe und Wohngebäude. Das bestehende Netz umfasst rund 4.000 Meter Trasse, der jährliche Wärmeabsatz liegt bei 8.500 MWh. Bereits heute beträgt der Anteil erneuerbarer Energien 95 Prozent.
Trotzdem stößt das bestehende System an Grenzen: Die Wärmeerzeugungsanlagen müssen modernisiert werden, gleichzeitig bestehen im Netz hydraulische und kapazitive Engpässe.
Außerhalb des bestehenden Wärmenetzes wird ein großer Teil der Gebäude weiterhin fossil beheizt. Entsprechend groß ist das Potenzial für eine Umstellung. Gerade im dicht bebauten Ortskern und in engen Straßenzügen kann der Anschluss an das Wärmenetz eine Alternative zu dezentralen Lösungen sein. Das gilt insbesondere auch für historische und teilweise denkmalgeschützte Gebäude, bei denen beispielsweise der Einsatz von Wärmepumpen durch begrenzte Flächen oder bauliche Vorgaben erschwert wird.
Von Januar bis Dezember 2024 haben unsere IfE-Energieexperten deshalb für das Kommunalunternehmen Gemeindewerke Ruhpolding einen Transformationsplan nach Modul 1 der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) erarbeitet. Ziel war es, einen technisch und wirtschaftlich tragfähigen Entwicklungspfad für das bestehende Netz bis hin zur Treibhausgasneutralität aufzuzeigen.
Die Herausforderung: Im Ort ist jeder Meter gefragt
In einer Tourismusgemeinde am Alpenrand konkurriert die Energieversorgung um Flächen, die längst anderen Zwecken zugeordnet sind. Drei Rahmenbedingungen waren für die Planung besonders relevant.
Energieversorgung trifft auf Tourismus. Ein neuer Standort für die Wärmeerzeugung hätte Flächen beansprucht, die für Hotellerie, Gastronomie oder Freizeitnutzung zur Verfügung stehen. Die Entscheidung fiel deshalb auf den bestehenden Standort. Für dessen Erweiterung wird ein Teil der benachbarten Freibad-Liegewiese benötigt.
Alpenlage begrenzt die Nutzung von Umweltwärme. Die örtlichen und klimatischen Rahmenbedingungen schränken die wirtschaftliche Nutzung von Umweltwärme aus Luft, Erdreich und Fließgewässern ein. Biomasse bleibt deshalb der tragende erneuerbare Energieträger für das Wärmenetz.
Biomasse braucht eine durchdachte Logistik. Die Anlieferung des benötigten Hackguts bringt Verkehr, Staub und Lärm in die Nähe von Wohnbebauung und einer Schule. Zwei Planungsentscheidungen sollen diese Auswirkungen begrenzen: Das neue Gebäude wird so ausgerichtet, dass es zugleich als Lärmschutz gegenüber der angrenzenden Bebauung wirkt und die wesentlichen Emissionsquellen auf der rückwärtigen Seite liegen. Die Anlieferung folgt außerdem einem Einbahnstraßenprinzip. Dadurch entfallen Wendemanöver und der Verkehr verteilt sich auf beide Seiten des Grundstücks.
Die Lösung: Von der IST-Analyse zur flexiblen Wärmeerzeugung
Am Anfang stand eine detaillierte Bestandsanalyse von Wärmeerzeugung, Netz und angeschlossenen Endkunden. Anschließend untersuchten unsere Energieexperten die lokal verfügbaren Potenziale für erneuerbare Energien und Abwärme. Betrachtet wurden unter anderem Biomasse, Umweltwärme aus Luft, Erdreich und Fließgewässern sowie solarbasierte Ansätze. Energiequellen, die sich unter den örtlichen Bedingungen als ungeeignet oder langfristig nicht ausreichend verfügbar erwiesen, wurden begründet ausgeschlossen.
Auf Basis eines gebäudescharfen Wärmebedarfskatasters und realistischer Anschlussquoten entstanden mehrere Ausbau- und Versorgungsszenarien. Jede Variante wurde technisch ausgelegt und energetisch bewertet. Anschließend erfolgte der Vergleich anhand von Wirtschaftlichkeit, Primärenergieeinsatz und möglicher CO₂-Einsparung.
Als Vorzugsvariante wurde eine Biomasse-Kesselkaskade mit nachgeschalteter Rauchgaskondensation und abgesicherter Spitzenlast festgelegt. Durch die Kaskade lässt sich die Wärmeerzeugung besser an unterschiedliche Lastzustände anpassen. Die Rauchgaskondensation gewinnt zusätzlich Wärme aus dem Abgas zurück. Beides trägt dazu bei, den Brennstoffbedarf je erzeugter Kilowattstunde zu reduzieren.
Das Potenzial: von 59 auf bis zu 235 Liegenschaften
Die untersuchten Szenarien zeigen, welche Entwicklung des Wärmenetzes technisch und wirtschaftlich möglich wäre. Die Werte beschreiben das Potenzial im Endausbau. Wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird, hängt insbesondere von den Anschlussentscheidungen der Eigentümer ab.
| Kennzahl | Heute | Potenzial im Endausbau |
|---|---|---|
| Versorgte Liegenschaften | 59 | bis zu 235 |
| Trassenlänge | 4.000 m | über 10.000 m |
| Wärmeabsatz | 8.500 MWh/a | rund 13.000 MWh/a |
| Anteil erneuerbarer Energien | 95 % | bis zu 100 % |
| Jährliche THG-Emissionen | 2.200 t CO₂ | rund 1.100 t CO₂ |
Der Transformationsplan definiert dafür einen Ausbau- und Maßnahmenpfad bis 2045, mit dem die vollständige Treibhausgasneutralität des Wärmenetzes erreicht werden kann.
Was die Gemeindewerke Ruhpolding aus dem Transformationsplan mitnehmen
Der Transformationsplan zeigt: Ausbau und Nachverdichtung des bestehenden Netzes können einen wesentlichen Beitrag zur Wärmewende vor Ort leisten. Gerade dort, wo dezentrale Lösungen aufgrund der baulichen Situation schwer umzusetzen sind, eröffnet das Wärmenetz zusätzliche Möglichkeiten. Ein denkmalgeschütztes Gebäude in einer engen Straße kann so beispielsweise auf erneuerbare Wärme umgestellt werden, ohne dass vor Ort eine eigene Wärmeerzeugungsanlage installiert werden muss.
Wie weit das Netz tatsächlich ausgebaut wird, ist dabei nicht allein eine energetische Frage. Für die Gemeindewerke gilt: Das Netz soll dort wachsen, wo sich die Versorgung wirtschaftlich trägt, ohne dass eine bestimmte Rendite als Zielwert vorgegeben wird. Dadurch können auch Liegenschaften für einen Anschluss infrage kommen, die bei einer stärker renditeorientierten Betrachtung möglicherweise außerhalb des Ausbaugebiets lägen.
Nächster Schritt: von der Planung in die Umsetzung
Unabhängig vom weiteren Netzausbau steht die Modernisierung der Wärmeerzeugung fest. Die Fachplanung für Anlagentechnik und Gebäude ist nahezu abgeschlossen. Als Nächstes soll die Investitionsförderung im Rahmen von BEW-Modul 2 beantragt werden. Nach Förderzusage können Vergabe und Bau folgen.
Die Gemeindewerke Ruhpolding behalten dabei die Fäden in der Hand. Unsere IfE-Experten begleiten den weiteren Planungs- und Bauprozess im Rahmen eines Umsetzungsmanagements auf Bauherrenseite.
Das wichtigste in kürze
Was ist ein Transformationsplan nach BEW-Modul 1?
Modul 1 der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze fördert die Planungsphase. Der Transformationsplan analysiert ein bestehendes Netz, prüft die lokal verfügbaren erneuerbaren Potenziale, vergleicht Ausbauszenarien und zeigt einen Pfad zur Treibhausgasneutralität auf. Er ist zugleich die Grundlage für den Antrag auf Investitionsförderung in Modul 2.
Was sind die Vorteile eines Wärmenetzes?
Ein Wärmenetz versorgt mehrere Gebäude über eine zentrale Wärmeerzeugung und ermöglicht es, erneuerbare Energien gebäudeübergreifend zu nutzen. Besonders in dicht bebauten Ortskernen sowie bei historischen oder denkmalgeschützten Gebäuden kann das Vorteile bieten: Wo dezentrale Lösungen aufgrund begrenzter Flächen oder baulicher Vorgaben schwer umsetzbar sind, kann der Anschluss an ein Wärmenetz eine Alternative für die Umstellung auf erneuerbare Wärme sein.
Wann lohnt sich ein Wärmenetz?
Ob ein Wärmenetz technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, hängt von den Bedingungen vor Ort ab. Wichtige Faktoren sind unter anderem der Wärmebedarf entlang der geplanten Trasse, die erreichbare Anschlussquote und die daraus resultierende Wärmeliniendichte. Auch die vorhandene Gebäudestruktur und lokal verfügbare erneuerbare Energiequellen spielen eine Rolle. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie oder eines Transformationsplans können diese Faktoren untersucht und unterschiedliche Versorgungsszenarien miteinander verglichen werden.
Welche erneuerbaren Energien eignen sich für ein bestehendes Wärmenetz?
Welche erneuerbaren Energien für ein Wärmenetz geeignet sind, hängt von den lokalen Gegebenheiten und dem Wärmebedarf ab. Infrage kommen beispielsweise Biomasse, Umweltwärme aus Luft, Erdreich oder Gewässern sowie solarbasierte Lösungen. Im Rahmen eines Transformationsplans werden die verfügbaren Potenziale untersucht und technisch, energetisch und wirtschaftlich bewertet. In Ruhpolding zeigte sich dabei, dass die Nutzung von Umweltwärme aufgrund der örtlichen und klimatischen Rahmenbedingungen nur eingeschränkt wirtschaftlich darstellbar ist. Biomasse bildet deshalb die Grundlage der Vorzugsvariante.
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